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Wände leuchten

Erst kam die Raufaser-Tapete, dann der schlichte weiße Anstrich: Farblosigkeit war in deutschen Wohnungen über Jahre der vorherrschende Trend. Doch das ändert sich jetzt. «Der Trend geht klar zu poppigen Farben», sagt Ludger Küper vom Paint Quality Institute in Frankfurt. Im Augenblick seien starke Töne wie Gelb, Orange und Rot beliebt. Heimwerker sollten angesichts der leuchtenden Farbpalette allerdings nicht völlig in einen Farbrausch verfallen - denn weniger ist auch bei bunten Wänden oft mehr. 

Weiß sei zwar bereits seit längerem aus der Mode, im privaten Bereich aber trotzdem noch oft zu finden, sagt Andrea Girgzdies, Innenarchitektin im Farbdesignstudio der Firma Caparol in Ober-Ramstadt (Hessen). Nach jahrelangem Einheitsweiß seien viele Menschen verunsichert. «Sie haben Angst, bei der Farbauswahl etwas falsch zu machen», erklärt die Expertin. Sie müssten erst wieder lernen, mutiger zu werden. 

Gerade wenn zu Trendtönen wie Orange und Rot gegriffen wird, ist aber gleichzeitig eine Spur Zurückhaltung gefragt. Zum Beispiel sollte nie ein ganzes Zimmer in diesen kräftigen Farben gestaltet werden. «Am besten streichen Sie nur eine große Wand bunt, zum Beispiel hinter dem Esstisch, und den Rest farblich dezenter», rät Küper. Dabei sollte innerhalb der Farbharmonie geblieben werden: «Zu Rot passt zum Beispiel ein leichter Orangeton.» 

Neben den Tönen der Rotskala ist auch leuchtendes, grelles Grün wieder im Kommen. «Das Grün tendiert ins Gelbliche, bei den Blautönen ist dafür ein Grünstich mit drin», so Andrea Girgzdies. Dieses Petrolblau lasse sich gut mit Rehbraun oder Cognac kombinieren. Auch Terrakotta-Töne - gedecktes Orange oder Apricot - werden weiterhin gerne gekauft, fügt Uta Maria Schmidt von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in Mainz hinzu. 

Für die mediterrane Optik wagen sich viele an alte Handwerkstechniken heran. «Die Tupftechnik oder das Wickelverfahren, bei dem ein verknotetes Stück Stoff beim Abrollen Spuren auf der Wand hinterlässt, werden wieder häufig genutzt», erzählt Wohnexpertin Schmidt. Die Werkzeuge dafür seien sogar fertig im Handel erhältlich. Durch die überlagerten Farben wirke die Wand lebendiger. Verschiedene Oberflächen, zum Beispiel verputzte Wände, tragen ebenfalls dazu bei. «Glatte, glänzende Wände sehen dafür sehr edel aus», so Schmidt. 

Eine Aura von Reichtum sollen auch die neuen Tapeten verbreiten, die in Edelsteinfarben wie Rubin, Amethyst und Topas mit Gold akzentuiert werden. «Oft erinnern diese prächtigen Tapeten in Dunkelblau oder Braun an englisches Tuch», sagt Bernhard Holzapfel, Designer bei der Firma Rasch in Bramsche (Niedersachsen). Muster, Farben und Ornamente erobern sich die Wände zurück. Damit einher geht das Comeback der Papierbahnen: «Tapeten sind wieder ein Thema», sagt Klaus Kunkel, Geschäftsführer des Tapeten Instituts in Frankfurt. 

Einen einheitlichen Trend gibt es dabei nicht. Es entwickeln sich parallele Stilrichtungen, aus denen sich jeder nach Lust und Bedarf bedienen kann. «Damit spiegelt das Tapetendesign die zunehmende Individualisierung wider», erklärt Holzapfel. Gleichzeitig habe sich die gesellschaftliche Durchlässigkeit erhöht: Man sei weniger festgelegt und wechsele auch mal spielerisch die Lebensstile, so Dieter Langer, Designer der Tapetenfabrik Marburg in Kirchhain (Hessen). 

Für Menschen mit natürlichem Lebensstil empfiehlt Holzapfel zum Beispiel Tapeten in skandinavischen Farben wie Wollweiß, Beige und Graubraun, kombiniert mit Kontrasten in leuchtendem Rot oder knackigem Grün. Die Oberfläche der Tapeten erinnert dabei an Geflochtenes oder anderes dickes Gewebe. Feiner und eleganter sind dagegen Tapeten in kühlen Pastelltönen mit Weiß und Gold, die mit ihren seidigen und glänzenden Oberflächen die klare Formensprache der fünfziger und sechziger Jahre weiterentwickeln. 

Die Retro-Muster der Siebziger, große Motive in Orange und Braun, sind ebenfalls noch ein Thema, sagt Tapetenexperte Kunkel. «Gerade bei jungen Leuten, die hip sein möchten, oder in Szenebars sind sie noch zu finden.» Dabei laufen sie aber nicht als Kopie des Originals, sondern sind verändert und dem Zeitgeist angepasst. 

Bei der Auswahl der Tapete spiele allerdings die Farbe meist eine größere Rolle als das Muster, erklärt Designer Dieter Langer. Diese müsse mit der Einrichtung in Einklang stehen. Nicht jeder hängt sich gerne ein geometrisches Muster oder Pril-Blümchen an die Wand - auch wenn das Einheitsweiß ausgedient hat. (dpa)


 

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